Project Semicolon – was bedeutet mein neues Tattoo?

Viele haben mich mittlerweile gefragt, was mein neues Tattoo bedeutet. Ein simpler Strichpunkt und doch steckt so viel mehr dahinter. Deshalb werde ich es euch hier erklären. An dieser Stelle vorsichtshalber eine Triggerwarnung!

Kennt ihr die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“? Ich hab sie mir angesehen und sehr viel darüber nachgedacht. Es gibt wenige Serien oder Filme, die mich so getroffen haben. Ich habe nicht nur eine Träne vergossen und habe mit den Protagonisten gelitten. Das war wohl deshalb so intensiv, weil es mich an Begebenheiten erinnert hat, die mir selber zugestoßen sind.

Die ersten klaren Erinnerungen reichen zurück in die Volksschule. Was, Volksschule werdet ihr denken, da sind doch nur brave kleine Kinder. Und doch, ja, genau dort wurde ich das erste Mal von zwei Mitschülern in der Garderobe bedrängt. Nicht sexuell, aber doch haben sie mich körperlich so in die Ecke getrieben, dass ich nicht mehr weg konnte. Vor lauter Panik habe ich einen der beiden in die Schulter gebissen sodass er vor Schmerzen aufgeschrien hat und ich endlich weg konnte. Tags darauf wurde ich von seiner Mutter angeschrien und beleidigt, was mir überhaupt einfällt. Ich hab ja ihr kleines Baby verletzt. Er war damals schon einen Kopf größer als ich.

Das nächste einschneidende Erlebnis war im Gymnasium. Ihr kennt das. In dem Alter rotten sich immer die Gruppen zusammen und einer davon ist immer der Depp. Derjenige, der sich alle Witze und blöden Sprüche anhören muss. Der zwar dabei, aber doch nicht wirklich ein Teil der Gruppe ist. Das war nicht ich, obwohl ich mich auch nie wirklich zugehörig gefühlt habe. Das war ein Junge aus einer anderen Schule. Das ganze ging nicht gut aus. Er wurde zum Mörder und wir indirekt zu seinen Mittätern. Ich glaube heute noch, dass das Verhalten in der Gruppe nicht unerheblich für diese Entwicklung war. Wir hatten ihm damals alle zusammen einen Brief geschrieben. Ich war traurig und fühlte mich schuldig. Ich hatte jahrelang eine Kopie dieses Briefes in meiner Brieftasche, als Erinnerung andere zu respektieren und auch anderen zu helfen, die vielleicht nicht so stark sind. Das ist mir nicht immer gelungen, dumme Sprüche sind so schnell gesagt. Ich denke oft an ihn und wie es ihm wohl mittlerweile geht.

Als ich anfing am Wochenende auszugehen lernte ich schnell Jungs kennen, die mehr wollten. Wenn ich heute darüber nachdenke, gab es einige Situationen, in denen ich es einfach geschehen lies. Küssen war nicht genug, mein Nein meist zu leise. Stell dich nicht so an. Männer müssen das machen. Offenbar gehörte das dazu. Mir hat nie jemand erklärt, wie es sein sollte. Wenn ich auf meinem Nein bestand und sagte, ich möchte noch warten, hatte ich die längste Zeit einen Freund gehabt. Schluss machen und mit einer anderen ins Bett hüpfen geht schneller, als auf jemanden zu warten. Heute weiß ich, dass das nicht in Ordnung war, dass sich die Männer falsch verhalten haben, nicht ich das Problem war und trotzdem suchte ich die Schuld bei mir. Sprüche wie du hast dich halt mit den falschen Leuten abgegeben, machen diese Situation nicht besser. Ganz im Gegenteil kommt das eher einer Täter-Opfer-Umkehr gleich. Ist es denn meine Schuld, dass Männer meine Grenze nicht respektieren, ja sogar überschreiten?

Ein anderes Mal hieß es, dass alle zusammen zu einer Party fahren würden. Eine Freundin und ich sollten mit zwei jungen Männern mitfahren. Die Party haben wir nie gesehen. Wir landeten in einem Waldstück außerhalb von Salzburg, kurz nach der Stadtgrenze. Wenn wir nicht mit ihnen schlafen, bringen sie uns nicht zurück. In meiner Verzweiflung habe ich einen auf hart gemacht. Die beiden zur Sau gemacht, was ihnen überhaupt einfällt. Innerlich war ich in Panik, sah uns im Wald liegen. Irgendwie hab ich uns da raus bekommen. Letztendlich fuhren sie uns zum nächsten Salzburg Schild und wir gingen den Rest zu Fuß nachhause. Ich war so erleichtert.

Das wohl ekelhafteste Ereignis fand später statt. Ich war auf einer Party und ging dann noch mit auf eine private Afterhour. Ihr könnt euch ungefähr vorstellen wie das abläuft, das muss ich wahrscheinlich nicht erklären. Ich war ziemlich benebelt und kann mich eigentlich nur noch daran erinnern, dass mich dieser Typ, der DJ von der Party, im Gang küsste. Und dann gingen die Lichter aus. Ab hier gibt es nur noch Erinnerungsfetzen, nackte Körper, ein Bett, andere Leute, die ins Zimmer gekommen sind. Der nächste Morgen war seltsam, neben ihm im Bett aufzuwachen, nackt, mit dem dumpfen Gefühl, dass hier etwas passiert ist, was nicht hätte sein dürfen. Ich fühlte mich schmutzig und wollte nur noch nachhause. Ich habe keinem davon erzählt. Ich war ja selber schuld, ich ging freiwillig mit auf diese Party und hab mich zu gedröhnt. Ihr seht, auch hier habe ich die Schuld bei mir gesucht, weil man es ja überall so zu hören bekommt. Heute weiß ich es besser.

Ich habe diese Ereignisse eigentlich gut verdrängt und wenig darüber nachgedacht, zumindest nicht bewusst. Was trotzdem irgendwie immer blieb, war das Gefühl der Unzulänglichkeit. Das Gefühl, dass ich nirgends so richtig dazu gehöre. Das Gefühl Liebe nicht zu verdienen. Es gab auch eine Zeit, in der ich nicht mehr raus gehen konnte selbst wenn ich es wollte. Ich bin einfach unter der Dusche heulend zusammen gebrochen und hab meinen Freunden abgesagt. Es ging mir nicht gut. Ich trank alleine, war depressiv. Damals kam alles zusammen, das Stipendium lief aus, der Mietvertrag wurde nicht verlängert, ich hatte nur einen Minijob, der nicht zum Überleben reichen würde. Ich habe nie darüber gesprochen. Nicht über das heimliche Trinken, die Panikattacken, das Weinen. Ich weiß auch nicht warum. Ein Anruf hat damals alles verändert, ein Jobangebot, welches ich natürlich sofort angenommen habe. Danach ging es wieder bergauf und so war auch kein Bedarf mehr, das jemandem zu erzählen. Getrunken habe ich danach immer noch zu viel und in diesem Zustand auch oft genug geweint. Darüber gesprochen habe ich bis heute nicht.

Was ich hier beschrieben habe sind nur die ärgeren Fälle. Die ganzen „Kleinigkeiten“ kann ich hier gar nicht alle wiedergeben. Das Begrapscht werden. Der Uniprof, der seine Hand auf meinen Oberschenkel legt. Ekelhafte Sprüche. Sexismus. Frauenfeindlichkeit. Das sind auch nur Geschichten, die mich selber betreffen. Ich habe auch Übergriffe auf Verwandte und Freundinnen mitbekommen, aber das sind deren Geschichten und ich bin nicht befugt diese hier wiederzugeben. Ich habe lange Zeit nach allen Strohhalmen gegriffen, die mir vielleicht erklären würden, warum das Leben so ist, wie es ist. Esoterik, Religion, Psychologie und so weiter und so fort. Ich habe viel über mich selber gelernt und habe versucht meine Probleme in den Griff zu bekommen, die aber nicht nur meine Probleme sind, sondern ein gesellschaftliches. Das habe ich mittlerweile gelernt.

Ich musste 32 Jahre alt werden um endlich jemanden zu finden, der mich nicht im Stich lässt. Der mich nicht ausnutzt. Der auch bei Problemen da bleibt und dem ich vertrauen kann. Anfangs war das neu und ungewohnt, sogar beängstigend. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und möchte es nicht mehr missen. Jetzt weiß ich, was es bedeutet, wenn jemand wirklich für einen da ist, man sich gegenseitig hilft und unterstützt. Er kam genau richtig, manchmal denke ich, dass ich ihm sogar mein Leben verdanke. Mein Leben ist jetzt angefüllt mit Liebe, Freunden und tollen Erlebnissen. Ich habe meine Stärke gefunden, die Stärke, die andere schon lange vor mir gesehen haben, die für mich aber unerreichbar schien. Trotzdem muss ich immer weiter an mir arbeiten, damit nicht wieder die alten Muster hervor kommen und mich in ein Loch stoßen. Was mir hier sehr geholfen hat ist der Sport. Ich bin so viel mutiger geworden, selbstbewusster und stärker. Die Bewerbe zeigen mir, dass ich mehr kann, als ich mir zutraue und gleichzeitig sind sie ein Ventil. Beim Sport kann man alles raus lassen, man kann über alles, oder über nichts nachdenken. Der Kopf wird frei, die Seele wird leicht, der Körper wird stark. Ich kann mich jetzt so akzeptieren, wie ich bin und das kann mir keiner mehr nehmen.
Aber trotzdem, ich hatte Glück.

Ihr fragt euch vermutlich, was das jetzt eigentlich alles mit diesem Strichpunkt zu tun hat. Dahinter steckt „The Semicolon Project“, ein Projekt, welches Menschen unterstützt, die unter Depressionen, Angststörungen oder dem Borderline Syndrom leiden. Menschen die daran denken, sich das Leben zu nehmen. „Das Semikolon steht für einen Satz, den der Autor beenden könnte, aber sich dazu entschieden hat, es nicht zu tun. Der Autor bist du – und der Satz ist dein Leben“. Ich hatte mehrmals den Gedanken, mein Leben zu beenden, habe mich aber entschieden es nicht zu tun. Viele andere schaffen das nicht, weil sie denken allein zu sein. Dafür steht dieses Zeichen, ihr seid nicht alleine. Es gibt Hilfe. Ihr könnt den Satz – euer Leben – weiter führen! Ich bin froh, dass ich mir diese Serie angesehen habe, auch oder gerade weil dadurch die unangenehmen Erinnerungen hochgekommen sind. Ein weiterer Schritt der Heilung. Erinnern, reflektieren, darüber sprechen.

Warum ich euch diese persönlichen Einblicke gewähre? Weil ich euer Mitgefühl möchte. Ich möchte, dass ihr versteht. Es kann jeden treffen. Jeder in eurem Umfeld kann Opfer von Gewalt, Missbrauch, Mobbing und Unterdrückung werden. Die meisten davon werden es verstecken, manche senden vielleicht Signale, die man richtig deuten muss, aber alle davon brauchen eure Hilfe. Mittlerweile bin ich stark genug, um nicht nur für mich, sondern auch für andere einzustehen. Ich werde nie wieder weg sehen, wenn andere leiden. Ich werde immer einschreiten, sollte ich etwas bemerken, das nicht mit rechten Dingen zugeht und ich werde immer, wirklich immer ein offenes Ohr haben, wenn jemand mit seinen Problemen zu mir kommt. Bitte seht nicht weg, wenn ihr etwas bemerkt, geht nicht vorbei. In akuten Fällen ruft die Polizei, geht dazwischen, holt Hilfe. Steht auf, seid laut, sorgt für Gerechtigkeit, für euch selbst und für andere. Du bist selbst betroffen, sprich mit jemandem, dem du vertraust, lass dir helfen, du musst das nicht alleine durch stehen. Deshalb habe ich mir dieses Tattoo stechen lassen.
Ich bin eine Überlebende und ich möchte, dass auch du überlebst.
Wir sind nicht allein!

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Rat auf Draht: 147 oder online
Project Semicolon